Unter Büchern

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Montag, 18. Juli 2016

Ulla Lachauer: Der Akazienkavalier

Von Menschen und Gärten
Copyright: Cornelia Conrad

Ich bin ganz verzaubert von diesem Buch.
Und weil  jetzt endlich Gartenwetter ist, möchte ich es allen Gärtnerinnen, Urlauberinnen oder Zuhause-Bleiberinnen allerwärmstens empfehlen! Ulla Lachauer hört Menschen zu, die über ihr Leben erzählen; und darin hat immer  ihr Garten eine wesentliche Rolle gespielt.
Es fängt damit an, daß sich die Erzählerin von ihrem Ficus trennt. Haben wir ja alle mal gehabt, dieses raumgreifende, blätterabwerfende Ungetüm – und können uns also gut vorstellen, wie eng die kleine Dachgeschoß-Küche unterm wachsenden  Ficus wurde.
Nachdem sich Ulla Lachauer also schweren Herzens von diesem Ungetüm getrennt hat, wendet sie sich Menschen zu, die ihr ihre Gartengeschichten erzählen.
„Ich bin zur Verrücktheit geboren und zur Biederkeit verurteilt... Und beides lebe ich in meinem Garten.“ Sagt die blinde Gärtnerin aus Freiburg.
Sie kommt mit einem Augenfehler zur Welt.
 „Du bist unsere Strof Gottes!“, sagt eine Tante zu ihr  - und meint damit, daß es böse Folgen hat, wenn ein Katholischer eine Evangelische heiratet.  Die Geschwister sind alle gesund und alle hellblond und also gut für den Familienfrieden. Aber die kleine sehbehinderte Veronika hat einen Großvater, und der ist Malermeister. Der kümmert sich um das „Wedernochkind“, bringt ihm alle Farben bei: von Umbra über Kadmiumgelb bis zu Schweinfurter Grün (nicht einatmen! Giftig!). Und alle Pflanzen  bei den langen gemeinsamen Spaziergängen. So sammelt Veronika alles, was sie kriegen kann, für später, für die lichtlose Zeit. Sie liest wie ein Weltmeisterin; durch das Lesen wird ihre Welt weit.
Und der Garten ist ihr Zuhause. Da kann sie sich „ziemlich gut bewegen und freier bewegen als im Haus, wo sie häufig irgendwo anstieß und etwas zerbrach“.
Später, als Krieg ist, ist es die mittlerweile ganz erblindete Veronika, die mit ihrem  stark ausgeprägten Hörsinn Nachbarn dabei hilft, durch  ihren stark ausgeprägten Hörsinn herankommende Flieger rechtzeitig zu hören – oder sich später in der zerbombten Stadt zurechtzufinden.
Nun ist sie eine alte Frau. Und führt Ulla Lachauer durch ihren Garten, strahlend, begeistert, erklärt Pflanzen und Farben, als ob sie sie sehen könnte. Unglaublich, was diese Veronika in ihrem Inneren hat!
Oder: Vier alte Schwestern treffen sich an einem heißen Sommerabend unter dem Birnbaum ihrer Kindheit. Und erzählen sich Anekdoten über ihre Eltern. Vater und Mutter, Arbeiter und Hausmagd, haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts Visionen: viele Kinder  bekommen, der Armut  entfliehen, ein eigenes Haus  haben. Das Haus haben sie schließlich, Kinder haben sie – aber auch viele Schulden. Trotzdem wird ein Klavier für die Kinder angeschafft -  1922!
Die Erinnerung der vier alten Schwestern ist eine einzige Hommage auf liebevolle Eltern, die in ihrer Armut immer zuversichtlich blieben.
Oder: Ein  Ungarndeutscher, nach dem Krieg vertrieben, heimwehkrank. Er baut in seinem neuen Garten am Rand der Schwäbischen Alb – wo ein rauhes, ein anderers Klima herrscht als in Ungarn! - lauter Gemüse an, das die Deutschen bis dahin nicht kannten. Die Besucherin  lobt ihn: er sei der geborene Gärtner. Noi.   Aber wenn er zu Hause in Ungarn hätte bleiben können – hätte er doch auch einen Garten bewirtschaftet. Noi. „Ich war doch schon mit zehn Jahren von zu Hause fort, auf dem Gymnasium in Pécs bis zur Mittleren Reife. Danach hätt ich wollen Förster werden wie mein Onkel.“ Statt dessen wird er ungelernter Arbeiter in Stuttgart. Und sagt zum Schluß des Besuchs: „Der Garten klebt an einem . Wenn er uns loslässt, dann ganget mir“.
Und immer, in jeder dieser Geschichten, ist der Garten der Anker, die Rettung, der Trost des alten Menschen, der erzählend auf sein Leben zurückblickt.
Ulla Lachauer hört genau hin. Und deshalb schafft sie es, auf nur wenigen Seiten ganze Lebensgeschichten so intensiv zu erzählen, daß wir das Buch sehr langsam lesen müssen. Jeden Abend eine Geschichte - man besichtigt ja auch nicht drei Gärten an einem Tag!



Kommentare:

  1. Das Buch liegt schon bereit, ich kam bisher nur nicht dazu, es zu lesen (war im Regal nach hinten gerutscht). Nun freue ich mich auf sommerliche Leseabende! Und über das Foto mit dem Blick in den vertrauten Garten und auf liebe Menschen!

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  2. Danke, liebe Mirjam! Nur DU erkennst das Photo wirklich - das hat mich sehr berührt...

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