Unter Büchern

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Donnerstag, 11. Juni 2015

Fred Uhlman: Der wiedergefundene Freund

Copyright: Cornelia Conrad
Ich weiß: Klassiker haben es schwer. Weil wir in der Schule gelernt haben, daß Klassiker zu lesen Arbeit ist? Dabei gibt es so großartige, lesbare Geschichten, die Klassiker geworden sind. Weil sie immer weiter gültig sind in ihren Aussagen. Ich spreche nicht von Goethe oder Schiller, ich spreche von Trouvaillen, von kleinen Perlen im Heuhaufen, die es so lohnt, sie zu finden. Wie zum Beispiel eben diese, für die ich heute eine Lanze brechen will.
Denn ich wünsche mir, daß auch Ihr dieses große Buch kennen- und dann mit Sicherheit lieben lernt.

"Der wiedergefundene Freund" von 1971 ist eine Erzählung, 116 Seiten lang, in der jedes Wort sitzt. Gemeißelte Sätze. Ein anderer Autor hätte für diese Geschichte viele hundert Seiten gebraucht, viele, viele Wörter und – das wage ich zu behaupten – hätte (deshalb? trotzdem?) nicht diese Eindringlichkeit erreicht. Fred Uhlman dagegen hat in seiner Beschränkung aufs Wesentliche, aufs Not-Wendige, ein kleines dichtes Meisterwerk geschrieben. Über eine Freundschaft.
Die Geschichte handelt von Hans Schwarz, einem 16jähigen Jungen, der schüchtern und einsam ist.

Sein Vater ist Arzt in Stuttgart, beliebt, angesehen, ein assimilierter Jude, der von sich sagt, er sei zu allererst Stuttgarter, dann Schwabe, dann Deutscher – und dann Jude. Aus dem Ersten Weltkriegs kam er mit dem Eisernen Kreuz zurück.
Eines Tages, es ist 1931, kommt in das Elite-Gymnasium, das Hans besucht, ein Neuer: Konradin von Hohenfels. Er hebt sich nicht nur durch seine exquisite Kleidung hervor (Hans und seine Klassenkameraden tragen eher Ärmliches), sondern auch durch große Zurückhaltung. Bis Hans bemerkt, daß auch Konradin schüchtern und einsam ist, wie er selbst. Die beiden freunden sich schnell an, denn nachdem Hans Konradin "erkannt" hat, wirbt er intensiv um dessen Zuwendung. Konradin besucht Hans immer öfter in dessen Zimmer. Sie schauen sich die gesammelten Münz-Schätze an, sie nehmen die (gelesenen!) Klassiker im Regal zum Anlaß, über Literatur zu diskutieren. Konradin wird von Hans´ Eltern freundlich und höflich aufgenommen – und irgendwann fällt Hans auf,  daß Konradin ihn noch nie zu sich eingeladen hat. Daß er Konradins Zimmer noch immer nicht kennt. Aber eines Tages bittet Konradin seinen Freund nach dem gemeinsamen Schulweg doch zu sich. Endlich. Als Hans durch Konradins Elternhaus geht, meint er, im Vorbeigehen im Zimmer von Konradins Mutter ein Hitler-Bild stehen zu sehen, ignoriert es aber. Was er aber nicht ignorieren kann, ist die Tatsache, daß immer, wenn Konradin ihn zu sich einlädt, dessen Eltern nicht zu Hause sind.
Die beiden Jungen haben heftige und tiefe Gespräche. Vor allem über Religion wird heiß diskutiert. Hans scheint, wie sein Vater, Agnostiker zu sein, Konradin ist tief protestantisch verwurzelt.
Eines Abends geht Hans in die Stuttgarter Oper, es wird Fidelio gegeben. Da sieht er seinen Freund Konradin, zusammen mit dessen Eltern. Er schaut ihm ins Gesicht, Konradin schaut Hans für einen Augenblick auch an – und sieht dann an ihm vorbei. Hans ist fassungslos. Warum ignoriert ihn sein Freund? Und warum stellt er ihn nicht seinen Eltern vor? Wir ahnen es. Er ahnt es, er weiß es in seiner unendlichen Enttäuschung über den Freund: dieser Verrat ist nicht nur das Ende seiner tiefen Freundschaft zu Konradin. Mehr verrate ich hier nicht. Aber der Titel der Erzählung läßt ein mögliches Ende der Geschichte vermuten..

Lest dieses Buch. Es ist eins von denen, die man nicht vergißt.

Fred Uhlman, SPD-Mitglied, Jude, Anwalt, emigrierte 1933 nach Frankreich. Dort lernte er seine Frau kennen, mit der er 1935 nach England ging.


Kommentare:

  1. Ich will es gerne wagen mit dem "wiedergefundenen Freund". Nachdem ich das Buch in der Schule nicht "als Klassiker lesen musste", kann ich mich ganz offen darauf einlassen.

    Verschlossenes Tor vor dem Garten des wiedergefundenen Freundes und vor der Scheune der alten Vera: Ich bin gespannt, ob sich die Tore öffnen, und freue mich auf deine nächste Empfehlung mit passendem Bild.

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    1. Ach wie schön, daß ich Dich zum Lesen verführen konnte! Und ich hoffe natürlich, daß Dich der Uhlman ähnlich beeindruckt wie mich. Danke für die poetische Rückmeldung - und wenn Du magst, laß mich wissen, wir Dir das Buch gefallen hat.

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    2. Endlich: Buch mit Spannung und in einem Zug (Zug? nein: Bus!) gelesen. Bei "gemeißelte Sätze" hatte ich befürchtet, der Stil sei hart und kühlt; nein, ist er nicht - eher warmherzig und empfindsam. Freund gefunden, Buch weiterempfohlen und verliehen, dafür eingetaucht ins "Alte Land" - gespannt, ob sich auch das Tor im Norden öffnet ...

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  2. Das freut mich sehr, daß Dir das Buch gefallen hat! Ist der Schluß nicht großartig? Gemeißelte Sätze sind für mich Sätze, in denen jedes einzelne Wort "sitzt" und bleibt, eben wie eine Gravur oder eine Kerbe in einem Stein. Beständig. Und daß Du das Buch jetzt gleich weiterempfohlen und verliehen hast, finde ich großartig - so soll es funktionieren, (fast) vergessene wunderbare Autoren am Leben zu erhalten. Danke für Dein Interesse!
    Und jetzt Dörte Hansen. Bin gespannt, was Du sagst.

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