Unter Büchern

Unter Büchern

Mittwoch, 13. Mai 2015

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Copyright: Cornelia Conrad
Die Lektüre dieses hinterlistigen Buchs hat Langzeitwirkung.
"Wie oft erzählen wir unsere eigene Lebensgeschichte? Wie oft rücken wir sie zurecht, schmücken sie aus, nehmen verstohlene Schnitte vor? Und je länger das Leben andauert, desto weniger Menschen gibt es, die unsere Darstellung in Frage stellen, uns daran erinnern können, daß unser Leben nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte, die wir über unser Leben erzählt haben."

Der Roman ist die Geschichte eines Selbstbetrugs. Tony, der "Held", erlebt sich als tough, er macht keine Fehler, eigentlich ist alles in seinem Leben o.k. Und wir gehen ihm erst mal ganz schön auf den Leim.
"Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger", antwortet er seinem Lehrer auf dessen Frage, was Geschichte sei.
Und Tony lebt genau das: die Summe seiner Lebenslügen. Nur, daß er kein Sieger ist für uns als Leser. Für sich selbst natürlich schon.
Im ersten Teil des Romans erzählt uns Tony von der Schülerfreundschaft mit drei Klassenkameraden. Einer von ihnen ist Adrian, ein kluger und analytischer Intellektueller, reif und besonnen, zu ihm fühlt sich Tony besonders hingezogen.
Als der oberflächliche Tony, der zu keinen Gefühlen fähig ist, seine Freundin Veronica an Adrian verliert (die Beziehung war eh am Ende!), ist er tief gekränkt und schreibt einen groben, verletzenden Brief voller Schmähungen und Verwünschungen an das junge Paar.

Und als er von einer längeren Reise heimkommt, erfährt er, daß Adrian sich das Leben genommen hat.


Zweiter Teil, vierzig Jahre später. Tony hat Karriere gemacht. Geheiratet. Tochter und Enkelkind. Jetzt geschieden. Trifft sich aber hin und wieder mit seiner Ex, deren geduldig-spöttischer Blick auf Tony eher dem auf ein unbeholfenes Kind gleicht.
In all seinem schönen Selbstbetrug vom gelungenen Leben überfällt Tony die Vergangenheit: er erbt Adrians Tagebuch. Aber das besitzt Victoria, und die rückt es nicht heraus. Nach vielem Drängen bekommt er von ihr schließlich etwas: die Kopie seines Schmähbriefs, den er damals an sie und Adrian geschrieben hat. Er schämt sich dafür. Entschuldigt sich bei Victoria für sein damaliges Verhalten. Aber die wirft ihm – wie früher schon, als sie ein Paar waren - nur immer wieder aufs Neue vor: Du kapierst nichts. Überhaupt nichts.
Das prallt an Tony ab. Er wird von keinerlei Selbstzweifeln geplagt. "Das eigentlich Verrückte war, daß es mir leichtfiel, meine Geschichte in dieser Version darzustellen, weil ich sie mir ohnehin so eingeredet hatte." Und immer wieder fallen wir auf ihn herein, trauen und vertrauen ihm. Denn durch subversive Schlenker in der Rückblende des Ich-Erzählers ("damals dachte ich...") werden wir auf die Spur gesetzt: da hat damals einer gründlich danebengeguckt. Und vermuten: Also hat er jetzt was begriffen.
Ob er jetzt richtig hingucken kann?
Ob er jetzt endlich lernt, sich kritisch zu reflektieren? Die Anderen so wahrzunehmen, wie sie sind – und nicht, wie er sie sieht?

Wenn man das hinterhältig brillante Buch zu Ende gelesen hat, seinen überraschenden Schluß kennt – dann möchte man mit diesem Wissen den Roman eigentlich noch mal lesen.
(Für den Roman erhielt Julian Barnes übrigens den Booker Prize.)



Kommentare:

  1. Liebe Cornelia,
    es ist eine sehr gute Idee von Dir, dieses Buch noch einmal zu lesen. Ich werde es tun! Im Herbst 2012 habe ich es gelesen und in einer kleinen Gruppe von Literaturfreundinnen besprochen. Wir waren alle begeistert. Ja, ich werde "Vom Ende einer Geschichte" bald wieder lesen. Danke!
    Erinnerst Du Dich an den Satz "Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen."? Diesen Satz hatte Barnes zitiert, und ich hatte ihn mir rausgeschrieben. Das nur nebenbei.
    Ich bin schon sehr gespannt auf Deine nächste Buchempfehlung.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Anonyma, vielen Dank für Deine Rückmeldung - beim zweiten Lesen entfaltet sich tatsächlich die Rafinesse des Romans noch viel mehr, da wir nicht mehr rätselraten müssen. Ja, und den von Dir zititerten Satz erinnere ich gut...

      Löschen