Unter Büchern

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Donnerstag, 23. April 2015

Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry



copyright: Cornelia Conrad
"Wer bin ich eigentlich", fragt sich Harold. Seine Frau "war so mit ihrem Sohn David beschäftigt, daß sie niemand anderen sah".

 Er selbst ist eigentlich nicht vorhanden. Er hat keine Freunde, er hat keine Sprache, er hat keine Aufgabe, seit er in Rente ist. Er lebt in einem Mausoleum. Seine Frau und er sind sich fremd geworden, sie putzt – mit Vorliebe das Zimmer ihres abwesenden Sohnes, auf den sie schon so lange wartet. Harold kratzt Unkraut von den Gehwegplatten.

Da bekommt er einen Brief. Von Queenie, einer ehemaligen Kollegin. Die er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Sie schreibt ihm, daß sie Krebs habe und daß sie sich verabschieden wolle. Der unbeholfene Harold schafft es schließlich, Queenie in dürren Worten zu antworten. Und macht sich auf den Weg zum nächsten Briefkasten. An dem geht er vorbei. Auch am nächsten und übernächsten. Als er schon beinahe aus der Stadt hinausgelaufen ist, bekommt er Hunger – und an einer Tankstelle serviert ihm das junge Ding dort nicht nur einen Burger, sondern auch eine Weisheit, die sein Leben auf den Kopf stellen wird: "Man muß daran glauben, daß ein Mensch wieder gesund werden kann. Unser Geist ist viel größer, als wir begreifen. Wenn wir fest an etwas glauben, können wir alles schaffen."






Und so macht sich Harold zu Fuß auf den Weg, Queenie zu retten. Er hat außer den Kleidern, die er trägt, nichts dabei. Er will auch keine besseren Schuhe haben. Das einzige, was er sich irgendwann kauft, ist ein Pflanzenbestimmungsbuch. Denn je länger Harold durch England läuft, desto wacher wird er. Er nimmt Pflanzen wahr und Gerüche. Er bemerkt Menschen, er fängt an, sich auf Gespräche mit ihnen einzulassen. Er erfährt Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft – am Anfang fällt ihm das Annehmen schwer. Aber seine wundgelaufenen Füße und sein Hunger und seine Erschöpfung lassen ihm keine Wahl. Harold wird immer lebendiger, wacher, immer achtsamer, lernt (endlich!) seine Gefühle kennen. Und fängt an, mit seiner Frau zu telefonieren. Die hält ihn für verrückt und fordert ihn auf, sofort zurück nach Hause zu kommen. Aber Harold gibt nicht auf. Er gibt nicht auf zu laufen, obwohl er manchmal am Ende seiner Kräfte ist. Er gibt auch nicht auf, mit seiner Frau zu telefonieren. Und schließlich ist sie es, die ihn unterstützt und ihm zuredet, seine wundersame Reise zu vollenden.

Das Buch ist keine schwerblütige Selbstfindungsgeschichte. Es ist leicht und unterhaltsam, manchmal skurril-komisch: Harold ist irgendwann berühmt, das Fernsehen berichtet von dem Verrückten, der durch England läuft – und natürlich gibt es plötzlich lauter Mitläufer, die Harold mit einem Guru verwechseln, der ihnen den rechten Weg zeigen soll. Was natürlich nicht funktionieren kann, weil Harold der Rummel und das endlose Diskutieren der Anderen auf den Wecker gehen und ihn von seiner eigentlichen Mission abhalten.

Das ist ein Buch, das man am Ende glücklich zuklappt. Harolds Reise quer durch England – und zu sich selbst – ist so warm und so glaubwürdig erzählt, daß man beim Lesen das Gefühl hat, neben Harold zu wandern. Und am Ende ist man fast ein bißchen traurig, daß Harold an seinem Ziel angekommen ist – denn das bedeutet: Abschied. Rachel Joyce ist eine kluge Frau und sie kann fesselnd erzählen. Früher schrieb sie Hörspiele für die BBC und ihr erster Roman, die "unwahrscheinliche Pilgerreise", war für den Booker-Price nominiert.








Kommentare:

  1. Wer ist der Mann recht auf dem Foto?

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  2. Hihi, find ich ja toll, daß Du den entdeckt hast. Für solche Spielereien muß mein Mann herhalten...

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  3. Tolles Foto zu schönem Text & Buch!
    Und was liegt neben dem Mann: ein (alter oder neuer?) Turnschuh?
    fragt Anonyma

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  4. Danke, Anonyma, für das Kompliment. Freut mich, daß Dir der Text gefallen hat - besonders, da mir ein Freund sagte, er fände die Texte von mir zu lang... Aber wie lange dauert ein Verkaufsgespräch für ein Buch?!
    Neben dem Mann liegen sogar zwei Turnschuhe - aber toll, daß Du so genau hingeschaut hast.

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  5. Deine Texte finde ich nicht zu lang:
    Du beschreibst den Inhalt, sodass ich merke, ob mir der Inhalt des Buches gefallen kann.
    Du beschreibst den Schreibstil, sodass ich merke, ob mir der Ton im Buch gefallen kann.
    Du beschreibst deine eigene Gefühle und deine Meinung zum Buch - damit bekommt ich Lust aufs Lesen.
    Und das Foto zur Beschreibung erfreut mich und verstärkt meinen Wunsch, das Buch zu lesen.
    ... mein Anonyma

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  6. Danke für Deine Rückmeldung. Die mir auch sagt, daß die, die Interesse hat, auch einen Text liest, der länger ist als ein böder, nichtssagender Klappentext. Ich bleib bei den Längen, kürzer gehts nicht, wenns was aussagen soll. Freut mich, daß Du das auch so siehst!

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